GESAMTKONZEPT - Virtual Residency

Aufruf zur virtuellen Völkerwanderung ins Musterhaus Europa

Europa weitet sich. Europa verschließt sich. Die gewaltigen Transformations- und Migrationsprozesse, die Europa seit mehr als 15 Jahren durchlebt, sind inhaltlicher Auslöser für das Multimedia- und Ausstellungsprojekt Virtual Residency  der Medienkünstlerinnen Monika Bohr, Claudia Brieske, Leslie Huppert und Gertrud Riethmüller. Über einen Zeitraum von zwei Jahren rufen sie in einem Experiment zu künstlerischen Migrationsbewegungen auf und stellen den daraus entstehenden Ideen, Konzepten und Bildern Aufenthaltsorte zur Verfügung.

Residency, Residenz, Resident - Aufenthalt, Leben, wohnhaft in, Aufenthaltserlaubnis, Wohnung, Wohnsitz, sich aufhalten...

Das Projekt untersucht als künstlerisches Forschungsprojekt das Spannungsfeld in dem sich diese Begriffe bewegen.
Was kommt vor und nach einem Aufenthalt, einer Aufenthaltsgenehmigung? Was (oder wer) berechtigt einen Menschen, sich an einem anderen Ort niederzulassen und welche Motive veranlassen sie / ihn, es zu versuchen?

Migration der Individuen, oder: die virtuelle Völkerwanderung

Die Projektgruppe geht vom Individuum als kleinstem Partikel im kollektiven Migrationsstrom aus. Sie begreift dessen Bilder und Motive als eigentlichen kraftvollen Antrieb kollektiver Wanderbewegungen. Hoffnung, Angst, Träume, Zwänge, Not, Bedürfnis nach Bewegung oder Wandel: Migration ist immer geprägt von Emotionen in einem Zustand persönlicher und kollektiver Destabilisierung. Daher wird in diesem Experiment Migration als kreativer Transit aufgefasst, der sich zu einem Fluchtpunkt der Bilder und Konzepte hin bewegt, die im Migrationsstrom fließen und mitgetragen werden. Die individuellen Bilder sind Beispiele, samples oder Muster für Migrationsmotive.

Der virtuelle Raum wird hierbei als Unort, also als Utopie im eigentlichen Wortsinn, begriffen, als Fenster auf den Datenstrom. In den Köpfen der virtuellen Migranten Migrantinnen existieren intime und starke Bilder, die anderen vage und unscharf erscheinen mögen. Durch die virtuelle Projektionsfläche des Projekts , seine Internetplattform, erhalten sie eine Richtung und werden sichtbar gemacht. Einzig diese Muster, sonst verborgen, werden auf der Internetplattform eingegeben und verbildlicht. Die Persönlichkeit, die Biografie, die Körperlichkeit der Migranten und Migrantinnen tritt zugunsten der kreativen Kodierung ihrer Ideen, Bilder und Konzepte zurück. Dadurch wird der kollektive Datenstrom in all seinen individuellen oder auch transindividuellen Facetten aufleuchten können. Die Fokussierung auf die eigene, persönliche künstlerische Bildsprache der Migranten und Migrantinnen erlaubt die Befreiung von ethnozentrischen, nationalstaatlichen oder kulturhistorischen Diskussionen. Deren Parameter, die sich sowieso im permanenten Wandel befinden, treten für die Projektgruppe dadurch in den Hintergrund.

Es ist vielmehr das destabilisierende Moment, das als Auslöser für einen kreativen Prozess, als Quelle der Inspiration, als Chance begriffen wird. Auf Phasen der (vermeintlichen) Stabilität folgen immer Zeiten des Wandels, des Umbruchs, die wiederum zu neuen Phasen des Gleichgewichts führen können und so weiter. Geschichte, vor allem die europäische, ist ein Spiegel dieses Wechselspiels. Daher rekuriert die Gruppe ganz bewusst auf den Begriff der Völkerwanderung. Er assoziiert Violenz, Kraft, Energie, chaotischen Umbruch, Unsicherheit, aber auch analog dazu neue Strukturen, neue politische, gesellschaftliche und gestalterische Prozesse. Neue ästhetische Formen, Inhalte und Diskurse entstehen.

Virtual Residency : Internetplattform und Musterhaus

Davon ausgehend wird das Internet zunächst als ein amorpher Ort permanenter künstlerischer Migrationsbewegungen begriffen. Die Internetplattform der ist das Zentrum des Gesamtprojektes. Sie sendet wie ein Peilsender an alle Künstlerinnen und Künstler der Welt einen Aufruf zu einer kreativen Migration, einer virtuellen Völkerwanderung durch das World Wide Web.
Neue Datenströme bilden sich, werden geformt und angezogen. Die Internetplattform wird der Völkerwanderung im virtuellen Raum einen Fluchtpunkt bieten. Die Ideen der Migranten okkupieren die Virtual Residency / die virtuelle Residenz  ihre künstlerischen Konzepte werden zu virtuellen Residenten. Sie sollen den Wunsch nach Aufenthalt widerspiegeln und sich mit Themen, wie Heimat, Fremde, Reise, Herkunft, Hoffnung, Aufbruch, Verlust, Leere, Antrieb usw. auseinandersetzen.

In einem zweiten Schritt ermöglicht die Projektgruppe einem Teil der virtuellen Residenten eine Materialisierung ihrer Ideen und Konzepte im realen Raum. Ausgehend vom Mustercharakte der in der Virtual Residency  eingegangenen Konzepte, entwickelte die Gruppe den Ansatz, die Ideen als reale multimediale Installationen in so genannten Musterhäusern umzusetzen.
Der Begriff Musterhaus assoziiert eine kollektive Paradiesvorstellung. Es ist ein reiner Ort, ein weißer Ort, ein Gefäß, gleichzeitig ein void, ein blank space, also ein Ort ohne eigenen Charakter, ohne Persönlichkeit. Er befindet sich in einem Gegenwartsloch, ohne Vergangenheit aber in steter Erwartung einer lebendigen, individuellen Zukunft. Das Musterhaus wird so zur idealen Projektionsfläche für Migrationsmotive:

  1. Die Projektionsfläche Musterhaus wird über reale Orte in Deutschland, Frankreich und Polen gelegt. Die anfangs im befreiten Raum existierenden Konzepte und Arbeiten werden wieder mit vorhandenen politischen, sozialen und kulturellen Kontexten konfrontiert und im Spannungsfeld von realem Raum und realer Zeit an verschiedenen Standorten in Europa ausgesetzt.
  2. Durch die Realisierung der künstlerischen Konzepte an einem realen Ort werden dieses innerlich/haptisch erfahrbar gemacht.
  3. Die Projektgruppe und die virtuellen Migranten tauschen sich über die Möglichkeiten aus, die vorhandenen Konzepte in Installationen an realen Orten zu überführen. In diesen Kommunikationsprozessen können sich die künstlerischen Arbeiten weiterentwickeln. Sie können sich zum Teil sogar dahingehend verändern, dass sich die Grenzen der Autorenschaft erweitern (* mit diesen Aspekten kreativer Kommunikationsprozesse experimentierte die Projektgruppe schon zusammen mit einigen KünstlerInnen in ihrem 2001 realisierten Projekt Gegenort - The Virtual Mine).
  4. Die Partnerinstitutionen in Frankreich und Polen entwickeln in diesem Rahmen ihren eigenen Bezug zum Thema virtuelle Völkerwanderung und setzen jeweils einen eigenen inhaltlichen Schwerpunkt. Sie kuratieren dann Ausstellungen in den Musterhäusern der jeweiligen Länder gemäß einem von ihnen formulierten Subthema. Dabei werden sie diejenigen Konzeptionen aus der ständig wachsenden Datenbank der Virtual Residency  auswählen, die nach ihrer Auffassung wichtige Aspekte dieser Thematik veranschaulichen.

Das Musterhaus steht für eine zeitlich und räumlich begrenzte Manifestation virtueller Migrationsströme in die dingliche Welt.
Die aus dem Internet generierten Musterhäuser werden durch eine Redigitalisierung mittels Webcams diesem wiederum erneut zugeführt: Bilder aus dem realen Ort Musterhaus fließen zurück auf die Internetplattform. Virtual Residency  wird durch diesen closed-circuit zu einem Labor, in dem virtuelle und bereits realisierte Migrationsmotive aufeinander treffen, sich überlagern und neue künstlerische Impulse auslösen werden.

Das Musterhaus ist somit einerseits ein gedankliches Gebilde, eine Metapher und zum anderen ein realer Ort reale Räume, Häuser oder auch ein Areal, das zum Musterhaus ausgerufen und mit den ausgewählten künstlerischen Konzeptionen bespielt wird.

* Die Konzeptionen der Multimediainstallationen von Fatima Lassay/Jorge Antonio, Puati Little Flower, Nanostate, James Clark Ross und Daniel Herskowitz sind in der engen Zusammenarbeit und einem kreativen Dialog durch Videokonferenzen, Chats und E-Mails mit Bohr, Brieske, Huppert, Riethmüller und Konuk im Realisierungsprozess nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich weiterentwickelt worden (siehe www.the-virtual-mine.net und Katalog Gegenort - The Virtual Mine“, 2001).

Das Musterhaus Handwerkergasse Völklingen

Das Musterhaus im Saarland wird im März 2007 realisiert. Als Ausstellungsort sind hier mehrere zusammenhängende Gebäude in der so genannten "Handwerkergasse“ vorgesehen. Dieser Ort ist Teil des Areals des Weltkulturerbe(s) Völklinger Hütte - Europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur und gleichzeitig auch eine Dependance der Hochschule der Bildenden Künste Saar. Die Projektgruppe Virtual Residency  Bohr, Brieske, Huppert und Riethmüller wird hier den Startpunkt der Ausstellungsserie für das Kulturhaupstadtjahr 2007 setzen und überzeugende Konzeptionen auswählen und realisieren.

Der thematische Schwerpunkt ergibt sich aus der besonderen historischen Situation des Areals, das ehemaliger Standort der Stahlindustrie ist. Völklingen und die Völklinger Hütte sind Orte ständiger europäischer Migrations­bewegungen: angefangen bei der industriellen Revolution, über die Zwangsarbeit während der nationalsozialistischen Vergangenheit bis hin zur Tatsache, dass Völklingen heute durch die erste und zweite Generation der türkischen Gastarbeiter sehr geprägt ist.

Die Projektgruppe wird die Schlüsselbegriffe Gastarbeit / Host / Webhosting zu ihrem Sub-Thema machen und das Thema Migration und Identität unter dem Gesichtspunkt der technologischen Entwicklung untersuchen.

Anregungen für diese Fragestellungen lieferte auch die Medientheorie David Morleys (Hometerritories Media, Mobility and Identity, published by Routledge, London, 2000). Er untersucht unter anderem die Einflüsse des Internets und insbesondere des Satellitenfernsehens auf die türkische Gemeinschaft in Deutschland, als Möglichkeit, verschiedene Formen von hybriden Identitäten zu erzeugen bzw. Individuen, die mit Hilfe dieser Technologie gleichzeitig an zwei Kulturen partizipieren.

Was ist das Besondere an der Virtual Residency ?

Wie gehen wir vor?
  1. Internet-Aufruf an Künstlerinnen und Künstler der ganzen Welt zur künstlerischen Migration, zur virtuellen Völkerwanderung Themen: kreative Prozesse durch persönliche und kollektive Destabilisierung, z.B. Wunsch nach Aufenthalt, Heimat, Fremde, Reise, Herkunft, Hoffnung, Aufbruch, Verlust, Leere, Antrieb, usw.
  2. Senden von künstlerischen Konzeptionen an die Internetplattform Virtual Residency, Füllen der Datenbank mit Ideen, Bildern, Videos, Soundmaterial, Konzepten.
  3. Auswahl verschiedener Konzeptionen aus der Datenbank für die Realisierung im ersten Musterhaus durch die Projektgruppe. Für die nachfolgenden Ausstellungen in den verschiedenen europäischen Regionen wählen die Verantwortlichen der Partnerinstitutionen die ihrer auf- gearbeiteten Subthematik entsprechenden Konzeptionen aus. Die Datenbank wird vor jeder Ausstellung wieder geöffnet und der jeweilige Diskussionsstand in einem erneuten Aufruf kommuniziert.
  4. Aufnahme des Dialogs zwischen Projektgruppe und Autorinnen und Autoren der ausgewählten Konzeptionen. Ziel: Realisierung der Konzepte in einem kreativen Kommunikationsprozess und lebendigen wechselseitigen Austausch.
  5. Umsetzung der erarbeiteten Konzepte als Multimedia-Installationen in denen als Musterhaus bestimmten Ausstellungsorten.
  6. Ausstellung im Musterhaus: Begleitende Aktionen sind geplant und vom Ausstellungsort abhängig. Jede der europäischen Partnerinstitutionen wird einen eigenen inhaltlichen Schwerpunkt innerhalb der Gesamtthematik setzen.
  7. Alle eingegangenen Konzepte werden als Videodokumentation im Musterhaus präsentiert.
  8. Rückführung der Ausstellungssituation mittels Webcams auf die Internetplattform der Virtual Residency und damit in das World Wide Web.
Nachhaltigkeit und weiterführende Ziele
  1. Ein großes Interesse an dem Projekt Virtual Residency wurde seitens mehrerer Hochschulen in Deutschland und Frankreich bekundet. Auch unsere europäischen Partnerinstitutionen und zahlreiche Teilnehmer des Vorgängerprojektes Gegenort - The Virtual Mine“ sind direkt im Universitäts- und Hochschulkontext tätig. Die Projektgruppe plant deshalb, parallel zur Realisierung der Virtual Residency, die Möglichkeiten einer internationalen Hochschulkooperation gemeinsam mit den Partnern auszuloten, um dem Projekt eine besondere Nachhaltigkeit zu verleihen und die Planungs- und Durchführungsprozesse sowie seine vielfältigen Inhalte und Ergebnisse in die Lehre zu transferieren.
  2. Das Gesamtprojekt Virtual Residency mit seiner komplexen Internetplattform und den daraus generierten Ausstellungen in Musterhäusern entwickelt ein Gewebe/ein Netz temporärer Aufenthalte künstlerischer Migrationen in verschiedenen Regionen Europas.
  3. Es besteht ein großes Interesse und auch die Möglichkeit, dieses Netz nach 2007 noch zu erweitern. So unterhält z.B. der Projektpartner an der östlichen Außengrenze der europäischen Union (das Centrum Kultury Galeria Biala in Lublin) Kontakte zu ukrainischen Kulturinstitutionen, die ebenfalls in den Diskurs der Virtual Residency miteinbezogen werden können, um auch dort Musterhäuser aus der wachsenden Datenbank zu realisieren. Außerdem wird zusammen mit dem Museum of Contemporary Art in Skpoje/Mazedonien im Jahr 2008 ein weiteres Haus realisiert.
  4. Das Projekt Virtual Residency ist zugleich ein künstlerisches Statement über die aktuelle poltische Situation. Durch Globalisierungsprozesse wird es auch in Zukunft größere Migrationsbewegungen geben und die Datenbank des Projektes wird weiterhin als Forum der künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Thema bestehen bleiben und aktualisiert werden.

Das Projekt Virtual Residency weist eine filigrane, vernetzte und mehrschichtige Struktur auf und ist erst auf den zweiten Blick in seiner Komplexität erfassbar. Es ist ein lebendiges, sich mit dem Einfluss der Partnerinstitutionen und der Teilnehmer stetig wandelndes, weit verzweigtes, zeit- und raumgreifendes Medien - und Kommunikationskunstwerk.

Die Projektgruppe und ihre Partner im In- und Ausland sind überzeugt, dadurch mit künstlerischen Mitteln einen wichtigen Beitrag zur europäischen und internationalen Kooperation leisten zu können.

Die europäischen Partnerinstitutionen der Virtual Residency

Die Projektgruppe Virtual Residency wird mit (vorläufig) vier im Kontext zeitgenössischer Kunst sehr engagierten Projektpartnern in verschiedenen europäischen Ländern direkt zusammenarbeiten:
  1. Galeria Biala , Centrum Kultury
    Kuratoren: Anna Nawrot, Jan Gryka
    Lublin (Polen)
  2. Faux Mouvement , Centre d'Art Contemporain
    Kuratorin : Maryse Jeanguyot
    Metz (Frankreich)
  3. BWA Wroclaw-Galerie Sztuki Wspólczesnej
    Direktor: Marek Puchala
    Breslau (Polen)

  4. und zusätzlich:

  5. Casino Luxembourg - Forum d'art contemporain
    Künstlerischer Leiter: Enrico Lunghi

    zur Zusammenarbeit für eine vorläufige Abschlusspräsentation Ende 2007 des Projektes in den Räumen des "Casino Luxembourg"
    im Rahmen der Kulturhauptstadt Europa 2007.

Außerdem haben folgende Institutionen und Organisationen eine ideelle, organisatorische oder finanzielle Beteiligung am Projekt Virtual Residency zugesagt oder in Aussicht gestellt:

Virtual Residency  wird offiziell unterstützt vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe.

Die ausgewählten Partnerinstitutionen befinden sich im Saarland, Lothringen, Polen und Luxemburg. In diesen peripheren europäischen Regionen sehen sie sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema Migration konfrontiert. Die Utopie eines "Musterhauses" kann in jedem Land sehr verschieden ausfallen, da die "Reibungsfläche" zwischen den künstlerischen Konzepten aus dem virtuellen Raum der Datenbank und dem materiellen Umfeld des jeweiligen realen Ortes, sich immer wieder verändert. Diese verschiedenen Sichtweisen sollen durch das Kunstprojekt an den gewählten Schauplätzen gezeigt werden.

Das Gesamtprojekt ist auf eine enge inhaltliche Zusammenarbeit mit den einzelnen Partnern angelegt. Neben den individuellen Sichtweisen der "virtuellen Migranten", spielen auch die Perspektiven der einzelnen Partnerinstitutionen im Bezug zum Thema "Migration" eine wichtige Rolle.